Fair unterwegs mit Kevin Curran, Gewerkschafter

 

Nina Sahdeva, fairunterwegs-Redaktion

Kevin Curran ist Schweisser, Wirtschaftsfachmann, Baumpfleger - und Kämpfer für die Rechte der arbeitenden Klasse. Ihr fühlt er sich seit seiner Kindheit verpflichtet. Heute hilft er als Vorsitzender des Sektors Hotel der britischen Gewerkschaft UNITE Raumpflegerinnen, Rezeptionisten, Servicemitarbeiterinnen oder Butlern, die von internationalen Hotelketten in London ausgebeutet werden, ihre Rechte wahrzunehmen und durchzusetzen. Dafür haben er und seine Kollegen den ersten TO DO!-Preis für vorbildliches Menschenrechtsengagement im Tourismus erhalten. Curran liest gerne und inspiriert sich auch bei alten, sprachgewandten Klassenkämpfern.

Welches Buch führt dich auf die intensivste innere Reise?

Es ist der Roman "The Ragged Trousered Philanthropists" von Robert Tressel. Ein Klassiker, geschrieben 1914, ein grossartiger Roman über den Klassenkampf, über die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen, die sich klaglos schinden und ausbeuten lassen, um die Kassen der reichen Investoren und Patrons zu füllen. Es ist geistreich, witzig, lehrreich und voller Aufregung, Gefühl und Empörung. Seine Sprache ist lebendig, manchmal schräg und eingängig – eben ganz so, wie Frauen und Männern der arbeitenden Klasse der Schnabel gewachsen ist. Er zeichnet ein für die damalige Zeit ungewöhnlich facettenreiches Bild des Proletariats. Die Hauptperson, Frank Owen, ist ein Maler, der im Städtchen "Mugsborough" versucht, die Arbeiterklasse über die Ausbeutungstricks der Patrons zu informieren und sie dazu zu bringen, sich gegen Unrecht und Ausbeutung zu wehren. Er ist wütend über jene, die sich nicht zum Kampf aufraffen. Die gleichen Kämpfe, die das Buch von Anfang des letzten Jahrhunderts beschreibt, sind heute noch aktuell.

Wann ist bei dir das Bewusstsein über die Ausbeutung der Arbeitskräfte erwacht?

Ich kann mich nicht erinnern, je anders gedacht zu haben. Mein Vater war schon Mitarbeitervertreter. Wir führten zu Hause zwar keine politischen Diskussionen. Und mein Vater starb, als ich noch sehr jung war. Aber ich fühlte mich immer zu den Opfern dieses Systems hingezogen und wollte etwas tun, um sie zu unterstützen.

Wie sieht deine Karriere als Gewerkschafter aus?

Ich lernte Schweisser, denn ein Studium hätte mich von der arbeitenden Klasse distanziert. Also installierte ich Heizkessel in Kraftwerken, unter anderem im Kraftwerk Thurrock, wo die Angestellten wegen des Asbests erkrankten. Bald trat ich in die Gewerkschaft ein und organisierte Kundgebungen für bessere Arbeitsbedingungen. Wir haben damit viel erreicht. Die Gewerkschaft zahlte mir ein Wirtschaftsstudium, aber danach war ich arbeitslos. Vermutlich, weil man mich als Aktivisten kannte.

Ich organisierte Weiterbildungen für Schweisser und war weiter aktiv für die Gewerkschaft tätig. Nach der Fusion der Gewerkschaft der Gemeindeangestellten mit jener der Heizkesselbauer, Matrosen, Schmiede und Bauarbeiter 1982 entstand die grosse Gewerkschaft "General, Municipal, Boilermakers and Allied Trade Union", kurz GMB. Dort arbeitete ich ab 1988 Vollzeit im Bereich Gesundheit und Sicherheit, ab 1990 als Regionalsekretär und 2003 als Generalsekretär. Nach internen Querelen wechselte ich zum Dachverband der Nahrungsmittel-, Farm- und Hotelgewerkschaften (IUF) und wurde dort internationaler Koordinator. Nach über zwanzig Jahren Arbeit in den Gewerkschaften hatte ich ein Burnout und überlegte mir, was ich denn sonst noch gerne machen würde. So wurde ich Baumpfleger. Ich mag diese Arbeit mit den Bäumen.

Aber du engagierst dich auch noch als Freiwilliger für den neuen Sektor Hotel der Gewerkschaft UNITE.

Ja, ich bin Vorsitzender und führe zusammen mit meinen beiden Kollegen das Beratungszentrum für Hotelangestellte in London. Wir begleiten sie auch in Streitfällen. Vor allem aber machen wir ihnen Mut, gegen die Missstände anzutreten. Denn der erste Schritt muss von ihnen kommen. Erst wenn sie bereit sind zu kämpfen, kann man sie organisieren. Wir informieren Sie, damit sie ihre Rechte kennen und wissen, was sie sich nicht gefallen lassen müssen. Aber ob sie das Unrecht hinnehmen oder sich dagegen wehren ist ihr Entscheid. Der Kampf um die eigenen Rechte ist hart und fordert auch Opfer. Die Raumpflegerinnen oder Servicemitarbeitenden oder all die weiteren Ausgebeuteten in der Londoner Hotelindustrie haben mein Mitgefühl, auf jeden Fall. Aber das hilft ihnen nichts. Sie müssen aktiv werden, gemeinsam, und die Missstände mit den Arbeitgebern verhandeln. Das sagen wir ihnen. Aber es braucht lange, um sie zu überzeugen.

Nur: Zu einem Dialog des Hotelmanagements oder der Besitzer mit den Hotelangestellten ist es bisher ja nicht gekommen. Braucht es nicht auch das Lobbying bei Politikern und Reiseveranstaltern?

Sicher. Wir müssen Politiker, die Zivilgesellschaft, Glaubensgemeinschaften und andere Arbeitende als Verbündete gewinnen. Doch der Kampf beginnt immer bei den Betroffenen selbst. Die anderen können diesen Kampf nur unterstützen, sie können ihn nicht führen.

fairunterwegs möchte dir übrigens noch herzlich gratulieren zum TO DO!-Preis Menschenrechte, den UNITE im Rahmen der Internationalen Tourismusbörse Berlin für die Arbeit mit den Hotelangestellten erhalten hat. An der ITB hattest du viel Gelegenheit, dich mit anderen zu vernetzen. Wie hast du das erlebt?

Es war eindrücklich und inspirierend, so viele Frauen und Männer aus zivilgesellschaftlichen Organisationen kennenzulernen, Beziehungen aufzubauen, die Solidarität zu spüren. Es erfüllte mich mit Demut, zu merken, dass die schwierigen Arbeitskämpfe in London nichts sind im Vergleich zu denen der Fischer in Sri Lanka, der Menschen in den Favelas in Brasilien oder auch anderer Gruppen in Zentraleuropa oder Zentralafrika. Ich habe grosse Achtung vor dem Mut und der Arbeit, die da geleistet wird.

Was heisst für dich fair unterwegs sein?

Es bedeutet, mit dem Bewusstsein zu reisen, dass all der gute Service und die wichtigen Dienstleistungen, die ich auf meiner Reise am Flughafen, im Taxi, im Hotel oder am Strand erhalte, von Menschen erbracht werden, die Anrecht auf Respekt und ein anständiges Einkommen haben. Viele TouristInnen denken im Urlaub nur an sich – schliesslich haben sie ihn mit redlicher Arbeit verdient – und sehen die mächtige Industrie, die sich hinter ihrem Urlaub verbirgt, gar nicht.

Damit sich die Arbeitsbedingungen im Tourismus verbessern, braucht es die kollektive Stimme der Arbeitenden. Wenn sie genug mitbestimmen können, verbessert sich alles: Von der Aus- und Weiterbildung über die Ausrüstung, die Produktivität und der Dienstleistungsqualität. Und letztlich gewinnen dabei alle! 

Wie verbringst du deinen Urlaub?

Meine Frau und ich reisen im Urlaub seit 40 Jahren immer nach Griechenland, auf die Insel Korfu. Es war uns wichtig, diese Tradition gerade nach dem Ausbruch der Finanz-, Wirtschafts- und Flüchtlingskrise in Griechenland weiterzuführen. Daneben wandere ich sehr gerne in verschiedenen Gebieten in Asien oder auch in England.

Wie hältst du's mit dem Fliegen?

Es gibt heute kaum Alternativen. Der Zug kostet mich dreimal mehr als der Flug. Es braucht da andere wirtschaftliche Anreize. Aber ich bewundere Kollegen und Kolleginnen wie Christine, die den Zug nehmen, um nach Berlin zu reisen.

Fairunterwegs versucht Reisende und die Branche im deutschen Sprachraum für ein menschen- und umweltverantwortliches Reisen zu gewinnen. Wie würdest du da vorgehen?

Ich denke, dass vor allem ältere und jüngere Reisende dafür ansprechbar sind. Junge Familien müssen schon so viel bei der Planung berücksichtigen. Da sind sie froh, wenn sie ein All Inclusive-Angebot buchen können, und dann ist alles organisiert und sie brauchen sich nicht weiter zu kümmern. Ich verstehe das, sie wollen ausspannen, und dies zu überschaubaren Kosten. Ich empfehle euch, eure Kommunikation gezielt erst an ältere und jüngere Reisende zu richten. Sie sind unabhängiger und haben oft mehr frei verfügbares Einkommen. Wenn ihr diese Gruppen für faire Reiseformen erreicht habt, könnt ihr die fairunterwegs-Community erweitern. Es braucht halt eure Zeit und euer Engagement, bis sich die Einsicht in der breiten Bevölkerung durchsetzt, dass fair unterwegs bedeutet, die Zukunft des Reisens zu sichern.

 

Mehr Informationen zum Thema Menschenrechte in unserem SympathieMagazin Menschenrechte verstehen

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