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Reisen verändert

Noch nie zuvor sind so viele Menschen freiwillig gereist wie heute. Kaum ein Fleck der Erde ist vor unserer postmodernen Mobilität sicher. Unsere Reisen beginnen auf Landkarten und in Prospekten. Da ist die ganze Welt übersichtlich dargestellt, geschrumpft auf einen kleinen Maßstab. Auf jedem Quadratzentimeter Informationen über Informationen, so verdichtet, wir können gar nicht durch das gespannte Netz fallen – wir können uns nicht verirren. Die ultimative Garantie aber geben uns GPS-Gerät und Navigationssystem.

Die exotische Erregung speist sich aus einer zunehmend willkürlichen Grenzziehung zwischen dem Vertrauten und dem Andersartigen. Für einen Bayern ist das Oktoberfest in München eine rechte Gaudi, für den Australier eine einmalige Ekstase – dabei kommen lediglich viele Menschen zusammen, etwas, was fast überall auf der Welt geschieht. Ähnlich gelingt es dem europäischen Besucher bei der Kumbh Mela, dem alle zwölf Jahre in Nordindien stattfindenden Fest, ein Gefühl der abenteuerlichen Begegnung mit dem Einmaligen zu empfinden, obwohl sich etwa 30 Millionen Menschen am Zusammenfluss von Ganges und Jamuna versammeln und das Fest somit eine Massenveranstaltung par excellence darstellt.

Wir fahren durch die Welt, aber wie viel erfahren wir von ihr? Fast jeder ist unterwegs, aber wer ist wirklich auf Reisen? Denn Reisen geht über die Veränderung der Lokalität hinaus – Reisen kann ein metaphysischer Akt des Erkennens und Erfahrens sein. Nur der Reisende, sagt ein maurisches Sprichwort, kennt den wahren Wert des Menschen. In den meisten Religionen gilt das Reisen als richtige Lebensführung, als Instrument der Katharsis, als Mittel zur Erleuchtung. In dem hinduistischen Lehrbuch »Aitareya Brahmana« steht: »Es gibt kein Glück für den Menschen, der nicht reist.« Ähnlich den christlichen Wandermönchen von einst ziehen noch heute indische Asketen, Sadhus, durch das Land. Die orthodoxeren unter ihnen verbringen keine zwei Nächte am selben Lagerplatz. Denn die Sesshaftigkeit trägt potenziell alle Sünden in sich, sei es Gier, Egoismus, Materialismus oder Gewalt. Ähnliche Traditionen und Überzeugungen finden sich auch im Islam. Al-Ghazali, einer der bedeutendsten islamischen Theologen, der den Sufismus in den Islam integrierte, verließ seine persische Heimat, um nach Bagdad, Damaskus, Jerusalem zu reisen, von der obligatorischen Pilgerreise nach Mekka und Medina ganz zu schweigen.

Wie könnte man heute in einer globalisierten Welt zum ursprünglichen Reisen zurückfinden? Was unterscheidet unsere unergiebige Rast­losigkeit von einer Reise, bei der jener, der aufbrach, die Fremde kennenzulernen, verändert nach Hause zurückkehrt? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr erscheinen mir drei Elemente von entscheidender Bedeutung, drei Ratschläge, die geradezu banal wirken und doch sehr selten von Reisenden beherzigt werden. In einem Satz: Reise allein, reise mit leichtem Gepäck und reise zu Fuß. Wer so reist, begibt sich auf die Suche nach den Schatten des Offensichtlichen.

Wenn dein Gepäck in Gefahr ist, schrieb V.S. Naipaul, hast du einen Hinweis erhalten, dass du in Indien angekommen bist. Aber ist nicht gerade die Gefährdung des Gepäcks die große Stärke einer Begegnung mit der Fremde? Denn damit ist ja auch der Inhalt der Koffer und Taschen gemeint, ein Inhalt, der im übertragenen Sinne voller Vorurteile und Besserwissereien des zeitgenössischen westlichen Geistes steckt und der in Gefahr gebracht werden soll, je heftiger, desto besser. Reise also mit leichtem Gepäck – das verringert das Maß der Sorgen, der Vorurteile, der Erwartungen.

Am wichtigsten erscheint mir aber das Reisen zu Fuß. Der Fußmarsch ermöglicht eine Wachheit, die einen wie eine Bogensehne spannt. Man ist einer Wirklichkeit ausgesetzt, die sich mit kleinen spitzen Steinen durch die Sohlen drückt, die schwer an den Riemen des Rucksacks hängt, die sich durch schmerzende Glieder, Schweiß und Dreck bei jedem Schritt aufdrängt. Wer mit dem Auto, dem Bus, dem Zug oder dem Motorrad durch die Landschaft fährt, sieht mit den Augen, mehr oder weniger. Wer sie aber zu Fuß durchstreift, der sieht mit dem ganzen Körper. Und er ist den Einheimischen gleichgestellt, er fällt in die tradierte Kategorie des müden Wanderers, dem Menschen weltweit mit den Mitteln der vertrauten Gastfreundschaft begegnen können. Und noch etwas: Reise nicht von der Heimat in die Fremde und wieder zurück, sondern verwandle die Fremde in Heimat. Stelle dir vor, Wurzeln wachsen in die Zukunft. »Unternimm eine Reise, mein Freund«, sagt der großartige Sufi-Dichter Rumi, »vom Ich zum Selbst. Solch eine Reise verwandelt die Welt in eine Fremde, die so ergiebig ist wie eine Goldmine.«

llija Trojanow

Der Schriftsteller und Übersetzer Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren, kam 1971 mit seiner Familie über das damalige Jugoslawien und Italien nach Deutschland, wo die Familie politisches Asyl erhielt. Er lebte in Nairobi, München, Mumbai und Kapstadt. Ilija Trojanow schreibt Reisereportagen, Romane und Sachbücher. Er wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. 2007 mit dem Berliner Literaturpreis.
Trojanow ist beruflich als Weltensammler unterwegs und bevorzugt dabei das Alleinreisen.

 

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