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Galsan Tschinag: Nomaden lachen mit dem Herzen

Copyright Bild: Monika Karlstetter

Das Interview mit Galsan Tschinag führte Wolfgang Luck

Lassen Sie uns über Klischees sprechen: Die Mongolei ist ein unberührtes Land, in dem die Nomaden ein archaisches Leben führen. Wie viel davon ist wahr und wie viel romantische Verklärung?
Eine Hälfte davon ist wahr und wird immer wahr bleiben, denn die Mongolei ist zu 90 Prozent ein unbewohntes Land. Dort leben 200.000 Nomadenfamilien. Die haben ihren Stolz und sagen: Ich bin frei. Sie verehren Vater Himmel und Mutter Erde. Aber von unserer Bevölkerung von drei Millionen lebt fast die Hälfte in Ulan Bator. Das sind Menschen, die um das Geld kämpfen. Die Hauptstadt ist so riesig geworden. Um billig zu bauen, haben sie alle Häuser aneinander­geschoben. Und sie stinkt. Alle heizen mit Kohle. Das ist keine Stadt – das ist die Vorhalle zur Hölle.

Warum ist die Stadt für viele Nomaden trotzdem so attraktiv, denn sie ziehen ja massenhaft dorthin?
Das kann ich nicht beantworten. Die Nomaden geben ihre Freiheit freiwillig auf. Sie meinen, sie würden von den Schwernissen des Lebens dazu gezwungen. Sie haben ja Fernsehen in ihren Jurten, und da sehen sie die Lichter der Hauptstadt und hören die schöne Musik dazu.

Führen die 200.000 Familien auf dem Land noch ein klassisches Nomadenleben?
Nur zum Teil. Es gibt drei sehr schmerzhafte Momente. Erstens: Die wenigsten reiten noch. Alle haben heute Autos oder Motorräder. Zweitens: Vor 20 Jahren waren die Leute im »Deel«, der alten Tracht, gekleidet. Heute wird sie nur noch an Feiertagen angelegt. Die Nomaden kaufen Jeans und T-Shirts und steigen in die armselige Uniform der Globalisierung. Der Deel ist zur Exklusivbekleidung für Reiche geworden: Schau, was für ein feiner Kerl und echter Mongole ich bin. Das Dritte ist: Die Jurte verschwindet. Im Sommer sieht man zwar überall Jurten, aber im Winter sind sie weg. Ich war gerade mit einem österreichischen Filmteam unterwegs, die wollten eine Jurte sehen. Wir haben zwei Tage gesucht, bis wir eine verarmte Witwe gefunden haben, die es sich im Winter nicht leisten konnte, in eine Siedlung zu gehen. Wenn diese drei Dinge fehlen – ein Mongole mit Pferd, Deel und Jurte – da bleibt nicht mehr viel von der Mongolei übrig.

Manche Experten sagen, das nomadische Leben sei heute vor allem ein Problem für die Umwelt. Riesige Herden führten in der Steppe zu Überweidung und Wasserknappheit.
Das ist nur die halbe Wahrheit. Viel schlimmer für unsere Natur sind der Gold- und Kupferabbau und die Abholzung. Dafür können wir uns bei unserer Staatsführung bedanken. Alle in der Elite haben ihre Firmen, sie geben sich selbst die Erlaubnisstempel. Die Mongolei hat so viele Gesetze wie jedes andere Land, aber diese Herren nehmen sich, was sie wollen. Die dürfen jetzt einen heiligen Berg abholzen und Rundholz waggonweise nach China schicken.

Die mongolischen Politiker sagen, dass sie als Einzige in Zentralasien ein Land mit einer echten Demokratie geschaffen hätten.
Das stimmt aber überhaupt nicht. Mit Demokratie hat das nichts zu tun. Wissen Sie, warum der Westen uns lobt? Weil sie wissen, in Ulan Bator sitzen kleine Halunken, die brauchen sie als willige Diener, die können ihnen Rohstoffe billig verschaffen.

Könnte der Abbau der Rohstoffe nicht auch einen Reichtum erwirtschaften, von dem alle profitieren?
Bis jetzt ist nichts davon geschehen. Nur die mongolische Erde wurde kaputt gemacht. 40 Prozent des Territoriums sollen an ausländische Konzerne vergeben sein. Die Goldgruben sind umzäunt, da finden große Kämpfe statt. Unser Land wird einfach ausgeschlachtet.  

Was ist Ihre Vision für die Zukunft der Mongolei?                                                                                             Ich bin für die Gesunderhaltung der Natur. Meine Vision: Die Mongolei soll erklären, dass das riesige Land Besuchern der ganzen Welt gehört. Dafür soll uns die UNO eine gewisse Summe Geld geben. Dann hätten wir eine gesunde Naturlandschaft, die visafrei zu betreten wäre. Da könnten die Ermüdeten und Ausgebrannten aus Europa und den USA kommen und sich gesund toben.

Manchmal habe ich den Eindruck, die Mongolei wird jetzt schon als Abenteuerspielplatz vermarktet. Touristen fahren auf Wüstenflüssen Kajak, machen Paragliding im Altai und Kameltrekking in der Wüste. Das sind aber nur wenige. Insgesamt entwickelt sich der Tourismus ganz falsch, weil wir versuchen, es dem Westen nachzumachen. Wir haben jetzt Fünfsternehotels, und die Superreichen träumen von Sechssternepalästen wie in Dubai. Was wir brauchen, ist ein sanfter, der Natur angepasster Tourismus. Die Menschen sollen kommen und ganz einfach mit den Nomaden in ihren Jurten zusammenleben. Stattdessen verbringen sie ihre Zeit in Hotels. Da wird sogar europäisch gekocht. Dann fahren sie in ihren Luxusreisebussen aufs Land und knipsen. Aber wenn sie nach Hause zurückkehren, haben sie von der Mongolei eigentlich gar nichts gesehen.

Die Sehnsucht der Reisenden ist aber ganz anders, sie wollen ein weites, unberührtes Land erleben.
Mit meinen Gästen mache ich genau das. Mit den Nomaden aus einem Topf essen. Eine Jurte ist das schönste Hotel, das man sich vorstellen kann. Und von den Millionen ungenutzten Pferden, kann man einige den Touristen an die Hand geben. Das mongolische Nomadentum ist ein Schatz für die gesamte Menschheit. Unsere Gäste sehen, mit wie wenig man gut lebt. Und wenn Nomaden lachen, lachen sie mit dem ganzen Herzen. In ihren Augen brennt das Feuer.

Der glückliche Nomade – ist das nicht auch ein Klischee?                                                                            Nomade sein, das bedeutet heute für viele auch Armut. Armut ist ein Wort aus dem westlichen Wortschatz. Die Nomaden empfinden sich selbst nicht als arm. Der Nomade ist kein Langleber, er wird etwa 60 Jahre alt. Ein europäischer Städter hat 90 Jahre, aber wer hat länger gelebt? Eindeutig der Nomade: Er kennt den Zwang des Uhrwerks nicht, er hat jeden Tag wirklich gelebt und das gegessen, was er selbst herstellt.     

Galsan Tschinag wurde 1944 im Altai-Gebirge als jüngster Sohn einer tuwinischen Familie geboren. Die Tuwiner sind ein kleiner Volksstamm mit eigener Sprache und uralter Tradition. Der mongolische Schriftsteller versteht sich als Brückenbauer zwischen Ost und West.
Schon dem ersten SympathieMagazin »Mongolei verstehen«, das 2000 erschien, fühlte er sich deshalb verbunden und beschrieb darin sein Leben als »Wanderer zwischen den Welten«.
Tschinag studierte zu DDR-Zeiten Germanistik in Leipzig und er schreibt seine Bücher – mehr als 30 in den vergangenen 30 Jahren – bis heute auf Deutsch. In der Mongolei gilt Tschinag als Stammesfürst der Tuwiner. Zuletzt hat er mit einem Wiederauf­forstungsprogramm in seinem Heimtaland für Aufsehen gesorgt. In Deutschland präsentiert sich Tschinag auch als Schamane und beschwört in seinen Lesungen das archaische Nomadenleben.

Aus unserem SympathieMagazin »Mongolei verstehen«

 

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