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Erdbeben und Gletscherschmelze

Copyright Bild: Jana Asenbrennerová
Copyright Text: Rainer Hörig

Der 25. April 2015 hinterließ bei fast allen Nepalesen bleibende Spuren: Hunderttausende von Wohnhäusern fielen bei den Erdbeben in sich zusammen, von vielen historischen Tempeln blieb nur ein Haufen Schutt übrig.

Lal Bahadur wurde in seiner Schneiderwerkstatt überrascht. Ein unheimliches Grollen tief im Erdboden, lautes Poltern und Krachen alarmierten ihn. Sand und Staub begannen, von der Decke zu rieseln. Da hatte er nur einen Gedanken: Nichts wie weg! Draußen auf der Straße wurde er Zeuge apokalyptischer Szenen: Ein Wohnhaus in der Nachbarschaft sackte ächzend und stöhnend in sich zusammen und hinterließ eine riesige Staubwolke. Menschen liefen schreiend durch die Straßen und suchten Schutz.

Der 25. April 2015 hinterließ bei fast allen Nepalesen bleibende Spuren: Hunderttausende von Wohnhäusern fielen in Städten und Dörfern in sich zusammen, von vielen historischen Tempeln blieb nur ein Haufen Schutt übrig. Erdrutsche blockierten Straßen und Flussläufe, unterbrachen Stromleitungen und Telefonkabel. Mehr als 8.000 Menschen verloren ihr Leben, unzählige erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Der Sachschaden wurde auf mehr als zehn Milliarden US-Dollar geschätzt. Ein weiteres Beben knapp einen Monat später verschlimmerte das Desaster noch. Experten schätzen, dass Nepal fünf bis zehn Jahre benötigen wird, um sich von den Folgen der Katastrophe zu erholen.

Seit Millionen von Jahren schiebt sich der indische Subkontinent etwa 45 Millimeter pro Jahr nordwärts unter die eurasische Erdplatte und türmt dadurch das mächtige Himalaya-Hindukusch-Gebirge auf. Messungen ergaben, dass viele Berge im Jahr mehrere Millimeter an Höhe gewinnen. Die dabei entstehenden Spannungen entladen sich gelegentlich in verheerenden Erdbeben, unter anderem in Pakistan, Indien, Nepal und Myanmar. Fast jede Generation erfährt mindestens einmal im Leben die Schrecken eines starken Erdbebens. Wissenschaftler warnen seit Jahren vor einem Megabeben irgendwo entlang des 2.500 Kilometer langen Gebirgszugs. »Das Beben in Nepal 2015 hat nur einen kleinen Teil der bereits angestauten Spannungen entladen,« meint etwa der indische Seismologe C.P. Rajendran. Während sich Besucher an der atemberaubenden Schönheit der Gebirge erfreuen, betrachten deren Bewohner die Berge mit Respekt.


Zweifelsohne stellen Nepals Naturschätze den bedeutendsten Reichtum des Landes dar. Fruchtbare Böden, ausgedehnte Wälder und reißende Flüsse machen den Reiz des kleinen Landes aus und ziehen Touristen aus aller Welt an. Doch Armut, Korruption und Gedankenlosigkeit führen wie in vielen anderen Ländern der Welt auch hier zu rücksichtsloser Ausbeutung natürlicher Ressourcen. In den vergangenen 50 Jahren verlor Nepal mehr als die Hälfte seiner Wälder. Leidtragende sind in erster Linie die Bewohner entlegener Dörfer, die für ihren Lebensunterhalt auf Feuerholz, Viehfutter, Heilkräuter und Wildfrüchte angewiesen sind.

Der Wildwuchs der Städte belastet Luft und Wasser mit immer mehr Schadstoffen. Stadtbewohner klagen zunehmend über Atemwegsleiden, besonders Kinder sind von Durchfallerkrankungen infolge verschmutzten Trinkwassers betroffen. Das politische Chaos der vergangenen Jahre hat einen koordinierten Umweltschutz und eine zukunftsfähige Politik verhindert.

Nepal ist vom Klimawandel überproportional betroffen. Das renommierte Internationale Zentrum für Integrierte Entwicklung der Bergregion (ICIMOD) in Kathmandu stellt einen überdurchschnittlich hohen Anstieg der Temperaturen in den Hochlagen des Himalaya fest. Viele Gletscher schmölzen, wenn auch regional unterschiedlich, so die ICIMOD-Forscher. Mittlerweile trägt auch Nepal selbst zum Klimawandel bei. Besonders im Winter liegt ein brauner Dunstschleier über dem Land. »Die Luftverschmutzung durch Fabriken und Autos trägt zur sogenannten ›atmosphärischen braunen Wolke‹ bei, die sich im Winter über weiten Teilen Asiens bildet«, meint Bidya Binmali Pradhan, Mitarbeiterin am ICIMOD.

Die fortschreitende Abholzung der Wälder führt ebenfalls zu klimaschädlichen Emissionen. Das vielfach gelobte »Community forest scheme«, das seit 1978 den Dorfbewohnern Nutzungsrechte einräumt und damit ihr Interesse am Erhalt der Wälder weckt, brachte vorübergehend Linderung, aber die Gefahr ist keineswegs gebannt, denn die allgemeine Energieknappheit steigert den Bedarf an Feuerholz.

 

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