Sympathie für die Welt?

Manchmal ist es "zum Mäuse melken". Das Gefühl kennt jeder, der die täglichen Nachrichten verfolgt: Krisen, Konflikte, Katastrophen, Terrordrohungen, Gewalt ohne Ende. In welcher Welt leben wir eigentlich?, fragt sich manch eine(r). Dabei übersehen wir: Dies alles findet zwar tatsächlich statt und verdient unsere Aufmerksamkeit, bildet aber (obwohl schlimm genug) nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Beim Urlaub machen ist es genau so: Was uns die schönen Bilder der Reisekataloge zeigen, gibt es in der Regel wirklich - aber auch das ist nur ein Ausschnitt des Ganzen.

Was uns häufig fehlt, zu Hause und beim Reisen, ist ein Gefühl für das, was zwischen diesen beiden (extremen) Wirklichkeiten liegt: die interessante Vielfalt des Alltags der Menschen auf dieser Welt. "Wir wissen, wie Afrikaner sterben, aber wie sie leben wissen wir nicht", sagt der in Schweden und Mozambique lebende Buchautor und Regisseur Henning Mankell. Und man könnte ergänzen: Wir wissen, was uns von anderen unterscheidet, aber über Gemeinsamkeiten wissen wir wenig.

Dabei wäre genau solches Wissen äußerst vorteilhaft. Zum einen würde es den persönlichen Horizont und Durchblick erheblich erweitern, uns kompetenter, diskussionsfähiger machen - uns in Stand setzen, uns möglicherweise sogar persönlich zu engagieren. Zum anderen könnte es vor Fehlurteilen und vorschnellen Reaktionen schützen: wenn irgendwo wieder ein gewalttätiger Anschlag erfolgt und deshalb ganze Kulturen, Länder und Menschen von heute auf morgen en bloc in Frage gestellt oder gar stigmatisiert werden (wie nach dem 11. September). Gerade dann, wenn wir uns bei unseren Urlaubsplänen wieder irritiert fragen: Wohin?, Wohin lieber nicht? wäre aufmerksame Gelassenheit angebracht. Dazu braucht es eine Basis: an Wissen, an kritischer Sympathie, an Welterfahrung.

Als ich einen meiner Freunde fragte, wie er denn beim Reisen mit all den Verunsicherungen umgehe, bekam ich zur Antwort: "Weißt du, da draußen wartet eine Kraft, die viel stärker ist als alle frustrierenden Nachrichten zusammen. Da warten nämlich Menschen und Kulturen, die mein Leben, seit ich reisen kann, ununterbrochen bereichert haben. Mit ihrer Vielfalt, mit ihrer Musik, ihren Geschichten, ihren Freuden und Leiden, ihren Hoffnungen und Wünschen, ihrem Reichtum an Ideen, mit ihrer Pfiffigkeit und Zähigkeit, ihrem Charme und ihrem Lächeln. Trotz aller schwierigen Umstände, meiner Trauer und Wut über die schlimmen Dinge, die - im Namen von wem auch immer - geschehen: Auf diese Vielfalt bin ich einfach neugierig. Ich will mir auch weiterhin ein persönliches Bild von dieser Welt machen, sie erleben und verstehen. So wie sie ist. Du kannst mir glauben: Vor allem durch meine vielen Begegnungen und Kontakte mit anderen Menschen, habe ich eines gelernt: Es gibt nicht die Amerikaner, die Italiener oder die Araber, ebensowenig wie es die Deutschen, die Muslime oder die Christen gibt. Nicht der Kampf der Kulturen ist angesagt, sondern der Dialog der Kulturen. Wir müssen mehr miteinander reden - auch beim Reisen. Wir hätten uns nämlich viel zu erzählen, könnten manches voneinander lernen. Wenn Sympathie Zuneigung bedeutet, dann ist Sympathie für die Welt nötiger denn je. Schließlich gehört sie uns allen ."

Armin Vielhaber