Als Kuba nach dem Zusammenbruch der UdSSR plötzlich seinen wichtigsten Handelspartner verlor, fand in den 1990er Jahren ein Strukturwandel statt. Heute ist nicht mehr Zucker der große Devisenbringer, sondern der Tourismus.
Europäische Besucher, die oft auch deshalb kommen, um die letzte Bastion des Sozialismus zu erleben, sind hin- und hergerissen. Fast schon mit Nostalgie betrachtet man die Insel, frei von Werbung und Müll, mit niedriger Kriminalität, hohem Bildungsstandard und vorbildlicher medizinischer Versorgung. Doch die schwierigen
Lebensbedingungen sind unübersehbar in einem Land, in dem man nicht nach der eigenen Façon, sondern nach der des Staates glücklich zu werden hat. Einschränkungen der Meinungsfreiheit, der Freizügigkeit bei der Wahl des Wohnorts, der unternehmerischen Freiheit gehören zum Alltag. Zudem ist die »klassenlose Gesellschaft« nicht mehr klassenlos - wer in chavitos, der harten Währung, bezahlt wird, steht eindeutig besser da. Doch zu kämpfen haben alle.
Die jahrzehntelange Mangelwirtschaft hat die Kubaner gelehrt, auf Entbehrliches und Unentbehrliches zu verzichten. Nicht zuletzt die Knappheit vieler Güter hat aber auch dazu geführt, dass Kuba sorgsam mit Ressourcen umgeht und eine herausragende Umweltbilanz vorweisen kann.
Woran es jedoch auf der Insel keinen Mangel gibt, das ist der Charme der Kubanerinnen und Kubaner, denen es gelingt, trotz widriger Umstände ihr Schicksal zu meistern und trotzdem Lebensfreude auszustrahlen.
Wibke Reger