Für den Besucher ist Indien kein leichtes Land. Faszination und Irritation liegen dicht beieinander. "Weniger verstanden als gesehen" ist nicht selten das Ergebnis einer Indienreise.
Die kontinentale Größe und immense gesellschaftliche Vielfalt dieser Nation von gut einer Milliarde Menschen lassen nur ausschnitthafte Erfahrungen zu. Die verwirrende Vielfalt des Landes, sein bereitwilliges Öffnen und schroffes Verweigern, seine unzähligen und irritierenden Widersprüche erschweren ein Verstehen; Beispiel: zehntgrößte Industrienation - mit einer Analphabetenquote von 40 Prozent - mit 300 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze, aber Scharen von höchst befähigten Computer-Spezialisten.
Somit sind Fehlschlüsse geradezu vorprogrammiert, wenn man Indien und seine Menschen nur durch die Brille des Europäers betrachtet, das Andersartige mit der eigenen Elle misst und bewertet.
Wer Indien besser verstehen möchte, muss versuchen, indische Maßstäbe zu begreifen, muss respektieren, dass das Leben dort nicht nach unseren Regeln abläuft, muss all seine Sinne einsetzen, nicht nur den Verstand.
Auch die Vollständigkeit möglicher Erfahrungen und Eindrücke kann nicht das Ziel sein. Auswahl und Beschränkung sind angesagt.
Aus dieser Perspektive haben die indischen und europäischen Autorinnen und Autoren ihre Beiträge für dieses Magazin geschrieben. Sie wollen dem interessierten Reisenden Mut machen, sich auf das "Indien-verstehen"-Wagnis einzulassen.
Armin Vielhaber