Als ich zehn Jahre alt war, fragte mich mein Vater, ob ich mal einen Kaiser sehen möchte. Wir fuhren gemeinsam nach Essen zum Staatsbesuch von Haile Selassi. Als ich ihn sah, war ich überrascht. Einen Kaiser hatte ich mir größer vorgestellt. Vergessen habe ich den selbstbewussten, würdevollen "Negus" aus "Abessinien" nie. Seitdem bruchstückhafte Erinnerungen: Absetzung des Kaisers, Militärputsch, Bürgerkrieg, Vertreibung des Diktators Mengistu, Dürren, Hungersnöte, Krieg mit Eritrea. Das Bild von Äthiopien ist rudimentär geblieben - eher geprägt von Ereignissen mit Schlagzeilenqualität.
Trotz seiner beeindruckenden Kultur und Geschichte, trotz seiner faszinierenden landschaftlichen Schönheiten zählt Äthiopien heute zu den ärmsten Ländern der Welt. Hohes Bevölkerungswachstum, hohe Analphabetenrate, hohe Verschuldung sind Beispiele.
Einiges wurde erreicht, vieles bleibt noch zu tun. Zudem liegt das Land am Horn von Afrika im Zentrum vielfältiger Konflikte und befindet sich derzeit in einem schwierigen und schmerzhaften politischen Umstrukturierungsprozess, bei dem Rückschläge nicht ausgeschlossen sind.
Nicht leicht, in solchen Zeiten ein SympathieMagazin zu machen. Die äthiopischen und deutschen Autorinnen und Autoren von "Äthiopien verstehen" meinen jedoch, gerade in schwierigen Zeiten komme es darauf an, das Verständnis zu fördern, sich eine Meinung zu bilden. Darauf hätten vor allem die Menschen in diesem Land einen Anspruch, die ihren Alltag bewältigen müssen.
Armin Vielhaber